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Zain (Zain Al Rafeea) ist gerade einmal zwölf Jahre alt. Zumindest wird er auf dieses Alter geschätzt. Der Junge hat keine Papiere und die Familie weiß auch nicht mehr genau, wann er geboren wurde. Nun steht er vor Gericht und verklagt seine Eltern, weil sie ihn auf die Welt gebracht haben, obwohl sie sich nicht um ihn kümmern können. Dem Richter schildert er seine bewegende Geschichte: Was passierte, nachdem er von zu Hause weggelaufen ist und bei einer jungen Mutter aus Äthiopien Unterschlupf fand und wie es dazu kam, dass er sich mit ihrem Baby mittellos und allein durch die Slums von Beirut kämpfen musste. Ein Kind klagt seine Eltern an und mit ihnen eine ganze Gesellschaft, die solche Geschichten zulässt.

"Capernaum" ist eine Beschreibung biblischen Ursprungs, die sich vor allem im Arabischen und Französischen als Bild für einen Ort voller Chaos und Unordnung etabliert hat. Einen solchen Ort zeigt die libanesische Regisseurin Nadine Labaki (CARAMEL) in ihrer hochemotionalen Fabel. In visuell eindrucksvollen Kinobildern erzählt CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG von den abenteuerlichen Lebensumständen jener, die von einem besseren Leben träumen, aber in unserer Welt keine Chance haben. Mitreißend inszeniert legt Nadine Labaki die Mechanismen unglaublicher, sozialer Ungerechtigkeit offen und gibt denen eine Stimme, die im Schatten leben, oft ohne Ausweispapiere und Arbeitsmöglichkeiten. Ein Film von großer Empathie und Menschlichkeit.

CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG wurde beim Filmfestival in Cannes minutenlang mit stehenden Ovationen gefeiert und gewann den Preis der Jury und den Preis der Ökumenischen Jury. Der Libanon schickt CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG ins Oscar-Rennen als Bester Nicht-englischsprachiger Film.

Warum haben Sie Ihrem Film den Titel CAPERNAUM gegeben?
Der Titel hat sich ergeben, ohne dass mir das wirklich bewusst war. Als ich angefangen habe, über den Film nachzudenken, hat mein Ehemann Khaled vorgeschlagen, dass ich all die Themen, die ich ansprechen will, all die Obsessionen, die mich zu der Zeit beschäftigten, auf eine Tafel in der Mitte unseres Wohnzimmers schreibe. So verfahre ich meist mit den Ideen, die ich entwickeln will. Beim Blick auf die Tafel einige Zeit später sagte ich zu Khaled: In Wahrheit ergeben all diese Themen ein „Capernaum“. Das ist der Film: ein echtes Chaos.

Was waren die ersten Ideen, die Sie auf die Tafel geschrieben haben?
Ich habe immer den Drang, das bestehende System und seine Widersprüche in meinen Filmen in Frage zu stellen, oder mir alternative Szenarien vorzustellen. Als wir mit CAPERNAUM begannen, waren die Themen: illegale Einwanderer, misshandelte Kinder, die Bedeutung von Grenzen und ihre Absurdität, der Umstand, dass wir ein Stück Papier brauchen, um unsere Existenz zu beweisen, Rassismus, die Furcht vor dem Anderen, Gleichgültigkeit gegenüber den Rechten von Kindern…

Welchen Hebel wollen Sie mit CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG, mit ihrem Kino generell, in Bewegung setzen?
Kino sehe ich in erster Linie als Mittel, das gegenwärtige System – und meine Rolle darin – in Frage zu stellen, indem ich meinen Standpunkt über die Welt präsentiere.
Auch wenn ich durch meine Filme, und vor allem durch CAPERNAUM, eine verstörende und harsche Realität zeige, bin ich zutiefst idealistisch in meinem Glauben an die Kraft des Kinos. Ich bin überzeugt, dass Filme, wenn nicht Dinge ändern, zumindest helfen können, eine Debatte darüber zu eröffnen, oder Menschen zum Denken anzuregen. Statt das Schicksal dieses Kindes zu beklagen, das ich auf der Straße sah und mich noch hilfloser zu fühlen, als ich es ohnehin schon tue, benutze ich meinen Beruf als Waffe und hoffe, damit Einfluss auf das Leben des Kindes zu nehmen – auch wenn ich nur dabei mithelfe, die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Situation zu lenken. Der Auslöser war mein Bedürfnis, den Scheinwerfer auf das versteckte Gesicht von Beirut (und den meisten großen Städten) zu richten, das Alltagsleben derer zu beleuchten, für die Elend ein Schicksal ist, dem sie nicht entkommen können.

Was waren die Gemeinsamkeiten zwischen der Fiktion des Films und der Realität?
Es gibt viele Resonanzen, die dieses Abenteuer so magisch machten. An dem Tag, an dem wir die Szene drehten, in der Rahil im Cybercafe verhaftet wird, wurde sie tatsächlich verhaftet, weil sie keine Papiere hatte. Das war kaum zu glauben. Wenn sie im Film anfängt zu weinen, als sie ins Gefängnis gesteckt wird, sind ihre Tränen echt, weil sie diese Situation real durchlebt hat. Ebenso Yonas, dessen wirkliche Eltern während des Drehs verhaftet wurden. Das junge Mädchen, das ihn spielt (ihr Name ist Treasure) musste drei Wochen lang bei der Casting-Direktorin leben. All diese Momente, wo Fiktion und Realität aufeinandertreffen, tragen zweifellos zur Wahrheit des Films bei.

Es scheint, als würde dieser Film einen Einschnitt in Ihrer Karriere markieren, ein Schritt weg von Ihrer bisherigen Arbeit, die immer von einem gewissen Optimismus bestimmt war…
Zain hat am Ende insofern Erfolg, als er seine Papiere bekommt, Rahil nimmt wieder den Kontakt zu ihrem Sohn auf. Für beide konnten wir auch im realen Leben ihre Situation im Libanon legalisieren. Dieses Mal wollte ich, dass sich das Happy End nicht auf die Leinwand beschränkt, und ich hoffe, das überträgt sich auch in die Realität durch die Diskussionen, die der Film eröffnen kann. CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG hat den Schauspielern einen Raum gegeben, in dem sie ihr Leid und das Unrecht hinausschreien dürfen und Gehör finden. Allein das ist schon ein Sieg.

Zain kam mit seinen Eltern und drei Geschwistern 2012 als Flüchtling aus Syrien in den Libanon. Anders als im Film hat Zain eine liebevolle Familie, und doch konnte er nicht zur Schule gehen, sondern musste arbeiten, z.B. als Lieferant von Supermarkt-Einkäufen. 2016 bemerkte ihn die Casting-Direktorin von CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG in seinem Beiruter Viertel inmitten einer Gruppe von Kindern. Sie sah in ihm sofort den sanft-kantigen Charakter, ein Mix aus Gewitztheit und herzzerreißendem Charisma, genau das „Juwel“, nach dem Regisseurin Nadine Labaki suchte. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie es den Kindern im Film geht, vielleicht ist daher seine Darstellung auch wahrhaftig. Zain sieht es auch als seine persönliche Mission, den vielen in Armut lebenden Kindern eine Stimme zu geben.

Mit Hilfe von UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, konnten Zain und seine Familie inzwischen nach Norwegen auswandern. Sie haben die Chance dort ein neues Leben zu beginnen und Zain kann endlich eine Schule besuchen.

Sehen Sie hier im Video von UNHCR Zains eindrücklichen Weg von den Straßen Beiruts über Cannes nach Norwegen:


Khaled Mouzanar produzierte CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG gemeinsam mit seiner Ehefrau und Regisseurin Nadine Labaki und komponierte auch die bewegende Musik zum Film.

„Ich habe mich ständig gefragt, welche Art von Musik mit dem Leben all dieser Figuren und dem, was sie zu sagen haben, korrespondieren könnte. Welcher Sound könnte zum Geruch von Abflussleitungen passen, der Armut, der Rauheit des Themas? Ich wollte einen weniger melodischen Score als üblich. Die Idee war, die „Mad-Max“-Seite der Dinge hervorzuheben – fast mythologisch, trotz all der Realität – die die Landschaft des Films charakterisiert und die ich als Allegorie auf die Zukunft großer Städte sehe. Dazu dienten dissonante chorale Melodien, die sich aufzulösen scheinen, ehe man sie greifen kann. Ebenso synthetische, elektronische Klangfüllen. Einer dieser Tracks mit dem Titel „The Eye of God“ begleitet eine Aufnahme dieser mehr oder weniger verfluchten Stadt, die zu dieser Bestrafung verdammt scheint: Armut mit Hoffnung.“

Hier direkt reinhören:


BESETZUNG

 
Zain ZAIN AL RAFEEA
Rahil (Yonas’ Mutter) YORDANOS SHIFERA
Yonas BOLUWATIFE TREASURE BANKOLE
Souad (Zains Mutter) KAWTHAR AL HADDAD
Selim (Zains Vater) FADI KAMEL YOUSSEF
Sahar (Zains Schwester) CEDRA IZAM
Aspro ALAA CHOUCHNIEH
Nadine NADINE LABAKI
   

STAB

 
Regie NADINE LABAKI
Drehbuch NADINE LABAKI, JIHAD HOJEILY, MICHELLE KESROUANI
In Zusammenarbeit mit GEORGES KHABBAZ
Unter Mitwirkung von KHALED MOUZANAR
Original-Musik KHALED MOUZANAR
Kamera CHRISTOPHER AOUN
Szenenbild HUSSEIN BAYDOUN
Schnitt KONSTANTIN BOCK, LAURE GARDETTE
Sound Design CHADI ROUKOZ
Mischung EMMANUEL CROSET, MATTHIEU TERTOIS
Kostüme ZEINA SAAB DEMELERO
Casting JENNIFER HADDAD
Herstellungsleiter PIERRE SARRAF, MARIANNE KATRA
Produzenten KHALED MOUZANAR, MICHEL MERKT